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Anfangs unbewußt, habe ich mich während meiner Armeezeit den üblichen Gruppenhackordnungen entzogen. Manchmal waren es Kleingkeiten, die Positionen in der Gruppe bestimmten. So war es üblich, daß man als Rekrut abgelatschte Stiefel seiner Vorgänger erhielt, die drückten, schwer waren, sich auf Grund ihres Alters und Zustandes schwer pflegen ließen und manchmal schlicht und einfach stanken, weil der Vorgänger Schweißfüße hatte. Erst wenn man so langsam als Rekrut nach einigen Wochen durchblickte, wie die Tauschorganisation funktionierte, wie man was bevorzugt erhielt, gelang es dem einen oder anderen, kleine Privilegien zu ergattern, um beim Kammerbullen (Das war der Unteroffizier, welcher für die Bekleidungskammer zuständig war) ein Paar bessere Stiefel zu erhalten. Wer bessere, weichere und glänzendere Stiefel hatte, konnte sein eigenes Ansehen und die Hirarchieposition verbessern.

Ich bin in das Stiefelproblem durch Zufall positiv hineingeschlittert, da mir schon bei der Musterung Knick-, Senk-, Spreiz- und Plattfuß attestiert wurden. Mit zwei oder drei Kameraden mußte ich bei der Einkleidung bis zuletzt warten, da man uns Extrabratwürste zelebrierte. Das hieß, ich bekam einen Schein, mit dem ich schon 3 Tage nach der Einkleidung, als meine Kameraden über den Kasernenhof hetzten, die Kaserne in Richtung Köpenick verlassen konnte, um mir bei einem Orthopädieschuhmacher Einlagen anfertigen zu lassen. Hier belatscherte ich sofort den Schuhmacher 3 mal zur Anprobe zu müssen. Die schon ganz guten Stiefel, die ich auf Grund meines Privileges hatte, akzeptierte der Orthopädieschuhmacher nicht, und so bekam ich auf seinen Tip - natürlich wieder mit einem entsprechenden Schein - weiche Stiefel mit Profilgummi-Sohle, die normalerweise nur Unteroffiziere trugen. Mit diesem einfachen Zustand war ich aus der Gruppe der grauen Rekrutenmäuse mit auf einmal rausgeschossen. Mit meinen Luxus-Komißbotten war ich plötzlich was besseres, wie mir schien.

Eine bewußtere Aktion war dann schon immer, den Schlüssel für das Fotolabor in der Tasche zu haben. Hier konnte ich mich oft in der Dunkelkammer verkrümeln. Man konnte ungestört Westzeitungen lesen, Radio hören und Gespräche führen, die für gewisse Ohren nicht bestimmt waren.

Das Dasein in einer Gruppe von Soldaten ist immer mit Streß verbunden. Es geht um Vorteile für die eigene Person. Der eine macht es mit seiner individuellen psychischen Durchsetzungskraft, der andere macht es mit Muskelkraft, aber manche setzen sich auch mit einer gewissen Portion Heimtücke durch.

Die 10 Tage Arrest, die ich für mein Vergehen "Feindsender hören" einheimste, gaben mir innerhalb der Soldaten eine ganz gute Position in unserer Kompanie. 10 Tage Arrest war schon eine Seltenheit in unserer Kompanie, und selbst mancher Offizier und Unteroffizier mußte grinsen, wenn ich ihn unvorschriftsmäßig und betont lässig mit krummen Fingern grüßte.

In einer Beurteilung bekam ich das dann aber auch schriftlich:
"Seinen Vorgesetzten gegnüber tritt er manchmal etwas überheblich auf."

Als ich meine 10 Tage Arrest abgesessen hatte, gab es noch die übliche Strafpredigt vom Kompaniechef, der nun von mir systemkonformes Verhalten einforderte."Zu Befehl" schnarrte ich und verschwand zum Zeitung lesen. Es waren ausnahmsweise mal für einige Tage das "Neue Deutschland" - das Zentralorgan der SED, wo, wie immer, über die gewaltigen “Erfolge” der Wektätigen berichtet wurde -, oder die Armeezeitung "VOLKSARMEE", in der über die VI. Deutsche Kunstausstellung zu lesen war.

VA befragt den Kunstmaler Prof. Michaelis über sein neustes Werk "Freunde": "Was hat Sie gerade dieses Thema wählen lassen?"

Prof. Michaelis: " Das ist ganz einfach! Ich hatte mir vorgenommen, einen Beitrag zum 50. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution zu leisten... Aber die leuchtenden Farben einer friderizianischen Uniform beispielsweise sind heute nicht mehr zu verwenden... Wenn ich drüben in der Gemäldegalerie bei den alten Meistern bin, und sehe Soldaten vor einem Bild stehen, dann begeistert mich diese Schlichtheit, diese Einfachheit und Klugheit. Man begreift, daß diese Armee anders ist als die bisherigen, unseligen deutschen Armeen. Diesen jungen Soldaten hat man nicht das Denken aberzogen im Kasernenhofdrill, wie ich es persönlich noch erleben mußte. Sie kennen ihre Pflicht. Sie wissen um die Zusammenhänge. Sie unterscheiden richtig zwischen Freund und Feind. ... Dabei komme ich auf ein sehr wichtiges Problem. Das ist die Echtheit des Kunstwerkes. Jede falsche Pathetik schadet dem Werk. Das gilt besonders bei einem Bild über unsere Armee. .. . Gerne würde ich die Soldaten einmal bei ihrem Dienst besuchen. Vielleicht bekomme ich dort Anregungen, um mich in dieser Thematik weiter zu vervollkommnen...."

Wenn ich dann so herumsaß und Zeitung las, und ab und zu etwas von dem Schwachsinn zitierte, brüllten die anderen Soldaten vor Lachen, denn jeder wußte, wie ich es meinte.

 

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