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Ich bin Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Berlin. Bis 1979 habe ich in der Warschauer Straße im Bezirk Friedrichshain gewohnt. Direkt gegenüber der Oberbaumbrücke und damit auch direkt am Grenzübergang nach West-Berlin. Aber das ist eine andere Geschichte.
Als ich 1984 Jugendweihe hatte, wohnten wir bereits ein paar Jahre in Berlin-Marzahn. Soweit ich mich erinnern kann, wurden wir in speziellen Treffen auf das große Ereignis Jugendweihe vorbereitet. Es wurde besprochen was es heißt, in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Daß wir dann die Arbeiterklasse stärken würden. Die Partei brauche uns, die wir im sozialistischen Sinne erzogene, gefestigte junge Menschen seien. Also die volle Dosis Rotlichtbestrahlung!
Dann kam der große Tag! Ich weiß noch, daß der Tag etwas trübe begann und sich zu einem herrlichen Tag mit strahlendem Sonnenschein mauserte. Die Feierstunde fand im Kino "International" statt. Alle möglichen Leute traten auf die Bühne und hielten Reden. Ich weiß gar nicht mehr, wer alles. Aber ganz sicher war unser Direx unter den Rednern. Dann wurden unsere Namen aufgerufen und wir gingen in Gruppen zu ungefähr acht bis zehn Leuten auf die Bühne. Wir mußten das feierliche Gelöbnis aufsagen und bekamen die Jugendweiheurkunde in die Hand gedrückt. Danach gaben uns ein paar Viertklässler - gestandene Thälmann-Pioniere in vollem Ornat - noch ein Blümchen. Wir gingen von der Bühne runter und der nächste Schwung war dran.
Alle waren festlich angezogen. Die Jungs in Anzügen, die Mädels in Kleidern und mit neuen Frisuren, meist Dauerwellen. Zum Zwecke der Kleiderwahl war in unserer Schule ein paar Monate vorher eigens eine Modenschau veranstaltet worden. Wer die Sachen zur Verfügung stellte, ist mir entfallen. Ich weiß nur noch, daß einige aus unserer Klasse (darunter ich) die Sachen vorführten.
Am Tag der Jugendweihe war ich allerdings die einzige, die keine neue Kleidung anhatte. Meine gesamte Jugendweihe -Kleidung bestand aus getragenen Sachen meiner Mutter. Es war nicht ein einziges neues Teil dabei. Ich habe mich so geschämt! Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, daß es alle gewußt haben. Aber keiner hat was gesagt. Keiner hat sich auch nur was anmerken lassen. Die meißten wußten, daß meine Mutter, alleinerziehend mit drei Kindern, nie viel Geld hatte. Aber ich frage mich heute natürlich, ob es nicht doch eine Möglichkeit gegeben hätte, mich neu auszustaffieren.
Damit war aber der Tag noch nicht beendet. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich nach der sogenannten Feierstunde nach hause gekommen bin. Ob mit einem Taxi, mit der U-Bahn, mit der S-Bahn, ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß ich irgendwann im Laufe des Tages auf unserem Balkon in der elften Etage unserer Plattenbauwohnung stand und bitterlich weinte, weil ich von meinem Standort aus vollen Blick auf die Club-Gaststätte "Akaziengrund" hatte. Und das bedeutete für mich, daß ich zusehen mußte, wie der Rest meiner Klasse zusammen mit der Parallelklasse ihre Jugendweihefete feierten. Und ich war nicht dabei, weil meine Mutter kein Geld hatte. Sie versuchte mich zu überzeugen, daß es doch viel schöner sei, im Kreise der Familie zu feiern. Familie bedeutete für mich Meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester. Sonst niemand. Und es bedeutete fernsehen, im Wohnzimmer rumsitzen und rauchen. Und das hat mich ganz und gar nicht getröstet. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Als Jugendweihegeschenk bekam ich ein Zwergkaninchen geschenkt, während andere Armbanduhren, Stereorecorder und andere Sachen geschenkt bekamen.
Das ist meine, für mich durch viel negatives Erleben, unvergeßlich gewordene Jugendweiheerfahrung. Ich lebe heute in der Nähe von Hamburg und bin seit fast 10 Jahren mit einem "Wessi" verheiratet. Er hat ein riesiges Interesse an der ehemaligen DDR und damit auch am Alltagsgeschehen. Natürlich ist es sehr spannend für meinen Mann, Geschichten und Geschichte durch mich sozusagen aus erster Hand zu erfahren. Und selbstverständlich kennt er meine Jugendweihe -Geschichte. Jedesmal, wenn wir darauf zu sprechen kommen, wird er sehr traurig. Ich habe dann immer das Gefühl, daß mein Mann an mir etwas gutmachen will, was er gar nicht verursacht hat. Denn er drückt mich dann jedesmal ganz fest und erforscht, ob ich irgendeinen Wunsch habe, den er mir erfüllen kann.

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